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Spielend.

Ich hatte schon vorher gewusst, wann das Erdbeben kommen würde. Wenn man auf der Insel Timor wohnte, wusste man es immer. Es gab dort so viele Erdbeben, dass man schon genau wusste, wie das Rauschen des Meeres klang, wie die Sterne am Himmel standen oder wie die Limonade schmeckte, bevor es wieder passierte. Statt den Wind nur für eine frische Brise zu halten, erkannte man in ihm den Hauch der Gefahr. Der Gefahr, aber auch der Spannung, der freudigen Erregung. Das Erdbeben war mittelmäßig gewesen. Stärker als die Schwächsten, doch schwächer als die Stärksten. Eins von den ganz normalen Erdbeben war es gewesen, doch es hatte die gewohnten Folgen gehabt. Natürlich hatte es Folgen gehabt, denn wenn ein Erdbeben keine Folgen hätte, dann könnte man es nicht „Erdbeben“ nennen, sondern dann wäre es einfach nicht existent. Man würde es nicht wahrnehmen. Was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, muss auch Folgen haben, die wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können. Ich spürte die Folgen im Sand unter meinen Füßen. Kein Sandkorn lag mehr da, wo es vorher gelegen hatte. Ich schmeckte die Veränderung in der Luft, die jetzt vielleicht noch salziger war als ohnehin schon. Man konnte das Salz jetzt sogar riechen. Doch vor allem sah und hörte ich. Die anderen Inselbewohner, wie sie sich um die Grundstücke scharten, wo vorher ihre Häuser gestanden hatten. Es war immer das Gleiche: bei jedem Erdbeben stürzten sie ein, diese Häuser. Diese Häuser, die aus vielen dünnen mit verschiedenen Farben bemalten Holzstäbchen zusammengesetzt waren. Ein neuer Bauplan wäre nötig, ein schlauer Architekt, andere Materialien, sollte man meinen. Doch es störte hier niemanden, dass die Häuser zusammenbrachen. Ich war ein Niemand. Ich nahm nicht teil an den Ritualen. Es ekelte mich an, wie sie beisammen saßen, als wäre nichts gewesen, wie sie über alle Belanglosigkeiten plauderten, doch nicht über die Katastrophe, und wie sie mit den Trümmern ihrer Häuser Mikado spielten. Ich wusste immer noch nicht, warum sie es taten. Niemand stellte es in Frage. Ich stellte es wohl nur deswegen in Frage, weil ich mich, als ich einmal mitgemacht hatte, aus einer anderen Perspektive beobachtet hatte, als wenn ich die anderen dabei betrachtete. Aus der Innenperspektive kommt man sich schneller lächerlich vor. Ich fragte mich, ob die anderen wohl keine Innenperspektive besaßen, sondern nur meine Außenperspektive darstellten. Wie sie dasaßen und vorsichtig versuchten, Stab für Stab aus den Schutthaufen zu ziehen, ohne die anderen Stäbe zu verwackeln. Sie machten aus den Problemen ein Spiel. Wenn sie so taten, als ob es ihnen Spaß machte, dieses Spiel zu spielen, als ob sie sich sogar freuten, wenn die Erde wieder bebte, dann mussten sie sich nicht überlegen, was man gegen die Erdbeben tun könnte, und woher sie überhaupt kamen. Ich musste mir auch keine Lösungen überlegen. Ich würde nicht mehr lange bleiben. Es war kein guter Ort zum Leben. Der Ernst der Lage fehlte.

Wartend.

17:14. Bahnhof. Noch fünf Haltestellen bis zum Ziel. Er lenkte den Bus mit einer solchen Routine aus der Einbuchtung auf die Straße zurück, dass man sie fast mit Geschicklichkeit hätte verwechseln können. Vorbei am Bäcker, vorbei am Kriegerdenkmal, vorbei an der Post, vorbei an dem alten Mann, der jeden Tag mit seiner Zigarette vor dem Krankenhaus stand, vorbei an denselben Dingen jeden Tag um die selbe Zeit mit einer solchen Routine, dass man sie fast mit Trostlosigkeit hätte verwechseln können. Fälschlicherweise. Denn Gewohnheit war nicht trostlos, wenn sie eine Vorfreude beinhaltete. Denn eine Vorfreude war eine Hoffnung und mehr brauchte er gar nicht. Noch vier Haltestellen bis zum Ziel. Früher war sein Warten keine Vorfreude gewesen und keine Hoffnung. Er hatte auf den Feierabend gewartet, doch nicht etwa, weil es da irgendetwas gab, auf das er sich freuen konnte, sondern nur weil die Arbeit ihn so sehr langweilte, dass er das Ende erwartete, auch wenn danach nur ein weiteres Warten kommen würde. Ein Warten, bis der Bus kam, der ihn heimbrachte. Wie ein Frisör, der zum Frisör geht oder ein Arzt, der einen Arzt braucht. Dann ein Warten, bis das Essen warm war, danach ein Warten, bis ein Film im Fernsehen kam, ein Warten, bis er einschlief. Dann die schönste Zeit des Daseins, der Schlaf, ein bewusstloser Zustand, in dem ein Warten unmöglich war. Doch nach dem Erwachen ein weiteres Warten, bis es Zeit wurde zur Arbeit zu gehen, und dann fing alles von vorne an. Jeden Abend stellte er fest, dass dieser Tag mal wieder komplett sinnlos gewesen war und wohl auch alles gleich geblieben wäre, wenn er einfach gar nicht stattgefunden hätte. Und jeden Morgen stellte er fest, dass die Nacht nicht den geringsten Einfluss auf sein weiteres Leben gehabt hatte. Und irgendwann war es auch egal, ob es Morgen oder Abend war, weil es ohnehin immer nur ein Warten war. Nein, nicht mehr, wie gesagt, so war es früher gewesen. Noch drei Haltestellen bis zum Ziel. So war es früher gewesen, bevor er sein Ziel gefunden hatte. Und heute würde er sie ansprechen. Wenn sie in den Bus stieg, wie jeden Tag um genau 17:38, wenn er pünktlich wäre. Wenn sie ihm ihren Busausweis zeigte. Dann würde er sie ansprechen. Er würde sie geradeheraus fragen, hatte er beschlossen. Darf ich dich zum Essen einladen?, würde er fragen. Du inspirierst mich, würde er vielleicht hinzufügen. Dieser Job war nur eine Zwischenlösung, das wusste er. Seit einem Jahr. Nur bis er endlich etwas schrieb, was auch Menschen begeisterte, die nichts verstanden. Menschen mit Geld. Er hatte schon immer viel Zeit für die Poesie geopfert. Zeit, die er lieber hätte nutzen sollen, um etwas zu lernen, was sein Leben in eine weniger brotlose Richtung weisen hätte können. Zum Beispiel zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Er hatte begonnen, sich zu fragen, warum sein Job als Busfahrer eigentlich so sehr daraus bestand, dass man auf ihn wartete, und doch niemand wirklich auf ihn wartete. Auf den Bus vielleicht, aber nicht auf ihn. Er hoffte, dass wenigstens sie vielleicht auf ihn wartete. Er hatte sich immer gewünscht, die Zeit würde schneller verstreichen, damit er endlich wieder Inspiration fände. Wie sollte man etwas schaffen, woher sollte das Gedankengut kommen, wenn man jeden Tag nur die gleichen Häuser, Straßen und Menschen sah, bis man sie so oft gesehen hatte, dass man sie nicht mal mehr wahrnahm. Manchmal hatte er sogar gefürchtet, dass er sich vollkommen unnatürlich benehmen könnte, dass er plötzlich die Bremse nicht mehr finden oder nicht mehr „Hallo“ sagen könnte, weil die Routine so instinktiv wäre, dass er seine Handlungen nicht mehr mit Gedanken bestimmen könnte. Doch auf den Instinkt war Verlass gewesen. Nur brauchte er ihn jetzt nicht mehr, auch wünschte er sich nicht mehr, dass die Zeit schneller verstriche (außer wenn er sich dem Ziel näherte) und seine Muse hatte er ebenfalls wiedergefunden. Motivation und Hoffnung, das hatte ihm gefehlt, bis sie angefangen hatte, in seinem Bus mitzufahren. Noch zwei Haltestellen bis zum Ziel. Dann würde er sie fragen, das plante er nun schon seit drei Monaten. Genau drei Monate waren es, daher hatte er diesen Tag gewählt. Drei Monate, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, seit er sich das erste Mal nicht hatte entscheiden können, ob er das Foto in ihrem Ausweis oder sie ansehen sollte. Es stiegen oft hübsche Frauen ein, das war nichts Neues, doch keine vor ihr hatte je so geduftet wie der Wind, der ein Gewitter ankündigte. Keine hatte je Augen gehabt, die an einen verregneten Sonntagmorgen erinnerten und von Wimpern umrahmt wurden, die in Tinte getauchten Federn glichen. Keine vor ihr hatte einen Mund gehabt wie... Nein, er war kein Romantiker, er wollte sie nicht so beschreiben. Sie war nur einfach inspirierend. Ihr Anblick, die Art, wie sie die Augen während der Fahrt schloss oder in Richtung des Fensters blickte, jedoch weder die Scheibe, noch das, was dahinter lag, anschaute. Die Art, wie sie manchmal einfach lächelte, obwohl niemand neben ihr saß oder sich mit ihr unterhielt. Ihr Anblick war Poesie. Wenn er sie ersteinmal kennengelernt hatte, dann würde er seinen Job bald aufgeben können, er würde wieder schreiben können und sie wäre seine Muse. Er wollte sie keineswegs ausnutzen, nein, aber wen sonst sollte ein Poet lieben, wenn nicht die Muse selbst, wenn er das Glück hatte, ihr zu begegnen. Nur noch eine Haltestelle bis zum Ziel. Zugegeben, er war ein wenig nervös. Aber zuversichtlich. Sie würde ihn sicherlich kennenlernen wollen, wenn sie ersteinmal bemerkt hatte, dass in seinen Augen dieselbe Sehnsucht nach einem Ende des Wartens lag, wie in ihren. Wenn sie erst einmal sah, dass sie beide die Fähigkeit gemeinsam hatten, aus einem Fenster zu blicken und doch etwas ganz anderes zu sehen, als das, was dort eigentlich war. Dann würde sie verstehen. Gleich würde er um die Ecke biegen bei der Kirche, dann würde er an der Ampel warten, doch diesmal würde er das Warten kaum wahrnehmen. Vielleicht würde er sich noch kurz davon verabschieden. Dann würde er im Kreisverkehr links fahren, er würde weiterhin geradeaus sehen und sich erst erlauben, nach rechts zur Tür zu schauen, wenn er sie öffnete. Sie würde wie immer als Einzige einsteigen, und dann wäre es soweit. Heute wirklich. Sicher, er hatte das schon oft geplant, auch ausgemalt hatte er es sich schon jeden Tag, seit sie eingestiegen war. Fest vorgenommen hatte er es sich am einmonatigen „Jubiläum“ und noch einmal dann am zweimonatigen. Doch diesmal wirklich. Der Tag war perfekt. Drei Monate waren immerhin ein Vierteljahr. Und es war immerhin Freitag und es schien auch noch die Sonne. Er war bereit. Er bog um die Ecke, er wartete nicht an der Ampel, denn es war grün und so hatte er gar keine Gelegenheit, sich vom Warten zu verabschieden. Er fuhr im Kreisverkehr links, er blickte lächelnd geradeaus, nicht nach rechts. Noch nicht dorthin wo sie stehen würde. Er drückte auf den Knopf und die Tür öffnete sich. Er drehte den Kopf. Er schloss die Tür wieder. Er ließ sich nichts anmerken und fuhr weiter. Sie war nicht da gewesen. Wieso war sie nicht da, ausgerechnet an dem Tag, an dem er gewagt hätte, was er die letzten drei Monate nicht gewagt hatte? Eine Frage, die er sich von da an jeden Tag stellen würde. Jeden Tag nachdem er alle Haltestellen abgewartet hatte, an der roten Ampel gewartet hatte, ihr Gesicht erwartet hatte. Jeden Tag, an dem er gewagt hätte, was er nie gewagt hatte, als sie da war, war sie nicht da. Noch null Haltestellen bis zum Ziel. Das Ziel war weg. Was blieb, war eine winzige, ebenso verzweifelte wie verzweifelnde Hoffnung, die er auszulöschen versuchte, und ein Warten. Und er wartete mit einer solchen Routine, dass man sie fast mit Einsamkeit hätte verwechseln können.




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